Freie Texte von Jenny Latz

Nachbarschaft im allgemeinen

Es gibt sie, die netten, sympathischen Nachbarn, neben denen man gerne wohnt und bei deren Anblick einem das Herz vor Freude hüpft.

Nur wie findet man sie?

Wie kann man sie schon vor Unterzeichnung des Mietvertrags oder vor dem Hauskauf unter denen herausfiltern, die sich im Schafspelz verstecken und nur mit zuckersüßem Lächeln darauf lauern, uns in Kürze zu ihrem favorisierten Opfer zu erklären?

Die Antwort lautet: Gar nicht!

Unsere zukünftigen Nachbarn zeigen erst nach Monaten ihr wahres Gesicht. Dann ist es zu meist zu spät. Der Mietvertrag ist unterschrieben, die Kaution bezahlt und der Umzug und mit heller Zuversicht gekaufte, neue Möbel haben uns erstmal den letzten Cent gekostet.

Nach dem Hauskauf haben wir in diverse Umbaumaßnahmen investiert. Der Kreditvertrag mit unserer Bank läuft noch mindestens 15 bis 20 Jahre. Da hocken wir nun in unserem Wunschambiente und erfahren Stück für Stück, neben wem wir uns tatsächlich niedergelassen haben.

Die Brutalisierung unserer Gesellschaft hat inzwischen alle Gesellschaftsschichten erreicht. Nach Jahrzehnten der Sorglosigkeit haben wir wieder Angst um unseren Arbeitsplatz, um unsere Existenz. In einer fast autistischen Art und Weise kümmert sich jeder nur noch um sich selbst und entwickelt dabei gleichzeitig eine kindliche Empfindlichkeit. Nicht selten bleibt moralisches Verhalten auf der Strecke.

Mit Ironie und heimlichem Lästern lassen sich diese autistischen Zeitgenossen oft besser ertragen. Manches Mal treiben sie es jedoch so weit, dass auch der friedvollste Bürger zum Raubtier wird. 


Boxershorts

Ein kreischender Schmerz zerriss die Entspannung ihrer Seele. Er erstickte alles, ihre entspannten Muskeln, den hellen Gesang des Rotkehlchens, die klare, glitzernde Luft, das Leben, die Welt, den Kosmos.

Es bedurfte nur eines geringfügigen Neigens des Blicks nach rechts unten und Claire wusste, was im Bruchteil einer Sekunde ihren Frieden zerfetzt hatte.

Nebenan hatte der Nachbar seine Kreissäge vor der Garage aufgebaut. Bekleidet nur mit einer flatternden Boxershorts aus grünem Satin, oder Sateng, wie man am Niederrhein sagte. Im Grün machte Claire leuchtende weiße Punkte aus. Die sanfte Sommerbrise hatte den dünnen Stoff hinten zwischen seine unprallen Pobacken getrieben. Dort klebte er fest im Ritz. Verbranntes Hängefleisch an den nun schon schätzungsweise 70-jährigen Männerbrüsten schwang locker über dem Holzbalken, den er mit qualmendem Zigarillo im Mundwinkel wie in Zeitlupe auf das schreiende Sägeblatt zuschob. 


Eine einzige Beleidigung

Na, Du gelber Sack!?

Du könntest auch mal wieder Dein Altpapier entsorgen.

Immerhin scheint Deine Regenrinne schon seit längerem verstopft und

Deine mittlere Vorhangschiene hängt auch ziemlich schlaff runter....

 

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