
Kapitel 1
An dieser Stelle versuche ich, die Lebensgeschichte meines Großvaters nachzuempfinden. Ich habe ihn nie kennen gelernt. Er starb fünf Jahre vor meiner Geburt. Und dennoch hatte meine Mutter mir so viel über ihren geliebten Vater erzählt, dass ich noch lange über ihren Tod hinaus das Gefühl hatte, ihn persönlich gekannt zu haben.
Eigentlich wollte ich anfangs nur herausfinden, ob und was von den Geschichten über meinen Großvater stimmte. Ich suchte in den städtischen Archiven der Orte, an denen mein Großvater gelebt hatte. Und je mehr ich eintauchte, um so sicher wurde ich, dass die Geschichten über ihn den Tatsachen entsprechen mussten. Aber ich stieß auch auf unzählige neue Informationen. Das war der Anfang für dieses Buch, in dem einiges belegt ist und anderes von mir erfunden, weil es so hätte gewesen sein können.
Ich bin die letzte Überlebende meiner Generation. Die Letzte, die unserem Großvater noch ein ehrendes Andenken bewahren kann. Nur wer seine Vergangenheit kennt, kann seine Zukunft gestalten.
Jetzt geht es los mit Kapitel 1: Wir befinden uns in einem kleinen Landstrich am linken Niederrhein namens Orbroich, nördlich der heutigen Stadt Krefeld gelegen.
Der Namenstag - 23. Januar 1899
Er wusste nicht, dass eine Jahrhundertwende bevorstand und zum Glück ahnte er auch nicht, wie sehr dieses neue Jahrhundert sein Leben beeinflussen würde. Noch nicht! Er wusste nur eins:
"Mutter, Mutter, heute ist mein Namenstag!"
Heinrich stürmte die schmale Stiege vom Speicher hinunter in den Herdraum.
"Wann kommt Vater endlich nach Hause?" Mit rot glühendem Gesicht, die Kinderhände resolut in die Hüften gestemmt, blickte er erwartungsvoll zu seiner Mutter auf. Er hatte noch Stroh in den Haaren vom unbeschwerten Spiel mit der Schwester.
"Langsam Junge, langsam!", rief Gertrud lachend und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Die dreijährige Catharina war gerade zu ihrer Mutter gekrabbelt, um sich zielstrebig an deren Bein hochzuziehen. Mit dem Kopf hatte sie sich unter den vielen Röcken der Mutter verheddert. Die Jüngste, Magdalena, gerade mal dreizehn Monate alt, schlief zum Glück. Sie war ein unruhiges Kind, das oft weinte und schon mit wenigen Monaten im Leben eine fast unheimliche Traurigkeit ausstrahlte. Gertrud hoffte, dass die Kleine in diesen kurzen Momenten des Schlafs ein wenig Kraft und Ruhe schöpfen konnte. Heinrich wusste nicht, warum die Eltern sich so sehr um Magdalena sorgten. Er spürte mit dem Instinkt eines Kindes, dass seine jüngste Schwester anders war, als alle anderen. Wie anders, das würde Gertrud nicht mehr erleben müssen.
"Gedulde dich, Heinrich! Du weißt, Vater arbeitet hart. Es wird noch dauern, bis er nach Hause kommt."
Gertrud war stolz auf ihre sechs Kinder. Die drei Ältesten besuchten die Schule. Aber Heinrich war etwas Besonderes für Gertrud. Ihr ging das Herz auf, wenn sie sah, mit wie viel Kraft und Frohsinn er jeden Tag begrüßte. Er war ein kräftiger Junge, der vor Gesundheit strotzte.
Mit ihren fast 40 Jahren war Gertrud eine späte Mutter, zumal sie sich wieder im fünften Monat befand. Als ihr erster Sohn Wilhelm Jacob zur Welt kam, war sie bereits 29 Jahre alt gewesen. Nach der dritten Geburt, der von Catharina Gertrud, war es ihr dann sehr schlecht gegangen. Zwei Fehlgeburten und eine Totgeburt hatte sie erlitten, bis am 24. Januar 1894 ihr kleiner Sonnenschein das Licht der Welt erblickte. Ja, Heinrich war etwas Besonderes. An manchen Tagen erschien er Gertrud wie ein Engel der Hoffnung. Die meisten Familien in Orbroich und Broich hatten zehn oder mehr Kinder. Viele starben früh. Die Schwindsucht war eine gefürchtete Krankheit. Aber es traf nicht nur die Kinder. Gertrud machte sich Sorgen, wie lange sie noch für ihre Familie da sein könnte. Gerade letzten Monat war die Frau eines Tagelöhners mit 43 Jahren im Kindbett gestorben. Jetzt war der arme Mann allein mit 13 Kindern. Aber auch die rasche Industrialisierung wurde für die Menschen in ländlichen Gebieten zum Problem. Orbroich grenzte im Norden direkt an die kreisfreie Stadt Krefeld, die inzwischen bekannt für ihre hervorragenden Seidenstoffe. Dort gab es immer mehr Fabriken. Die Stadt wuchs und wuchs und zog zunehmend Menschen aus der Region an. Auch einige junge Männer aus Orbroich versuchten ihr Glück in Krefeld. Orbroich schien ihnen nichts mehr bieten zu können. Die verstreut liegenden Höfe, das karge Leben – Orbroich besaß keine eigene Kirche, keinen Dorfplatz – da lockte neben der Arbeit das neue Leben in der Stadt.
Die ganze Welt änderte sich schnell und unaufhaltsam. Ein gemütskranker Ackerer aus Hüls, einem Dorf, das wie ein Puffer zwischen Orbroich und Krefeld lag, hatte sich gestern in seiner Scheune erhängt. Die sechs Kinder mussten sehen, wie sie ihr Leben fortan meistern konnten. Furchtbar! Solche Schicksale erschütterten Gertrud in ihrem Gottvertrauen.
"Mutter, Mutter! Aber ich bekomme doch einen Kuchen?", riss Heinrich die Mutter aus ihren düsteren Gedanken.
"Aber sicher, mein lieber Heinrich! Am Nachmittag kommen ja auch die Tanten und Onkel. Und deine Vettern und Kusinen wollen doch mit dir feiern und spielen. Aber kannst du dich bitte um deine Schwester kümmern. Sonst wird es heute keinen Kuchen geben."
Gertrud hatte Mühe, rüber ins Backhaus zu kommen, um dem Hefeteig die Hingabe zu schenken, die dieser dringend benötigte, denn Catharina hatte sich inzwischen entschlossen, um Aufmerksamkeit zu betteln, indem sie an der Schürze ihrer Mutter zog.
Wie immer im Hause Hegger sollte es an einem wichtigen Familienfeiertag einen Turbankuchen geben. Gertrud war berühmt und beliebt für ihren geschwungenen, runden Kuchen mit der konischen Höhe und dem Loch in der Mitte, das an einen Kaminschaft erinnerte. Sie buk ihn in einem kesselartigen Napf mit Rosinen, einer ganz besonderen Köstlichkeit, die selten auf den Tisch kam. Fertig gebacken sah er aus wie ein Turban. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass die Franzosen diesen Kuchen ins Rheinland gebracht hätten. Die Franzosen waren seit 80 Jahren weg. Der Turbankuchen war geblieben.
Schon auf den letzten Höfen, auf denen sie gelebt hatten, hatte Gertrud an solchen Feiertagen immer das Backhaus mit dem Holzfeuerofen benutzt. Der Backtag für Brot fand alle zwei bis drei Wochen statt und war eine gemeinschaftliche Veranstaltung der Frauen, auf die sich alle freuten, weil sie ein wenig Ablenkung von der Mühsal des Lebens bot. Die Vorbereitungen und das Backen dauerten oft zwei Tage. Es gab einen gemauerten Ofen auf der Rückseite des Backhauses. Erst wurden im Innern des Backofens Reisigbündel und dünne Holzspäne abgebrannt, um ein schnelles Feuer mit großer Hitze zu erhalten. Sobald die Steine des Backofens heiß genug waren, wurden Glut und Asche rasch mit einem nassen Besen aus dem Ofen gefegt. Dann schoben die Frauen die Brote hinein. Auch wenn Feuer und Glut stets im Auge behalten musste, gab es viel zu schwatzen bei der Arbeit, und die körperliche Anstrengung des Backens war schnell vergessen.
In der Kate hatte Gertrud eine Feuerstelle im Herdraum zur Verfügung. Der Rauchfang über der Feuerstelle diente Gertrud zum Räuchern. Hier hingen Schinken, Speckseiten und Würste an Holzstangen. Sie hatte heute morgen dem Feuer ein paar Wacholderzweige beigegeben, damit die Rauchwaren eine schöne Würze bekamen. Der Duft des Wacholders durchzog die ganze Kate. Gertrud atmete ihn tief ein, erinnerte er sie doch so sehr an ihre Kindheit. In der Wand hinter der Feuerstelle im Herdraum gab es eine Öffnung zur Stube, die dort hinter einer eisernen Platte verborgen lag. Über die Eisenplatte wurde Hitze in die Stube abgegeben, während gleichzeitig der Rauch zurückgehalten wurde.
Sie legte ein wenig Holz nach, denn in dem großen Eisentopf, der über dem Feuer an einer schweren, eisernen Kette hing, garte das Essen für die Familie. Der Jahreszeit entsprechend gab es wie fast jeden Tag Kohleintopf in allen möglichen Varianten.
Nachdem es Heinrich gelungen war, die Aufmerksamkeit seiner Schwester von Mutters Schürze abzulenken, eilte Gertrud hinüber ins Backhaus. Heute durfte sie es ausnahmsweise alleine nutzen. Der Namenstag war in katholischen Gemeinden ein großes Fest, das gebührend gefeiert werden sollte. Und katholisch waren sie in Orbroich fast alle.
Da die Frauen erst heute morgen das Brotbacken beendet hatten, waren die Ofensteine noch heiß, und Gertrud konnte die Restwärme nutzen, um ihre beiden Kuchen auszubacken.
Gertrud stammte aus dem kleinen, nördlich von Orbroich gelegenen Dorf Walbeck bei Geldern. Durch die Heirat mit Johann war sie 1887 in die Honschaft Orbroich gezogen, wo Johanns Familie lebte. Sie wohnten nach mehreren Umzügen jetzt hinter einer hohen Hecke in einer Kate, die zum Geneigenhof gehörte. Das Zwei-Ständer-Haus war ein typisch niederrheinisches Hallenhaus und diente als Stall sowie Wohn- und Speicherhaus in einem.
Sie waren weiß Gott nicht reich. Aber Gertrud und Johann liebten sich von ganzem Herzen. Johann verdingte sich als Tagelöhner auf den Bauernhöfen der Umgebung. Sie lagen in Orbroich sehr versprengt, aber die Wege waren nicht sehr weit.
Die Kinder waren Gertrud inzwischen ins Backhaus gefolgt. Heinrich spielte das Pferd für seine Schwester, die fröhlich auf ihm durch das Backhaus ritt und Mutters Schürze längst vergessen hatte. Es war zu kalt und nass, um die Kinder draußen spielen zu lassen. Außerdem würden sie den ganzen Schmutz wieder in die Stube tragen, und Gertrud wollte es sauber halten, wenn die Familie eintraf. Bis die drei Großen aus der Schule nach Hause kamen, blieb noch Zeit, die Feier zum Namenstag von Heinrich vorzubereiten. Namenstage waren immer sehr schöne Feste. Einige Protestanten, so hatte Gertrud aus Hüls gehört, feierten nun auch den Tag der Geburt. Sie schüttelte den Kopf in Gedanken an so viel neumodisches Zeug. Die Welt änderte sich zu schnell.
Es war Tradition, dass die Kinder zwei Vornamen erhielten. Der Pfarrer achtete streng darauf, dass sie bei der Taufe einen Namen bekamen, der einem bestimmten Heiligen gewidmet war. Der zweite Vorname ehrte zumeist den Großvater oder die Großmutter, aber durchaus auch einen anderen Vorfahren. Sie hatten sich entschieden, Heinrich nach dem Dominikaner Heinrich Seuse zu nennen. Er hatte vor ein paar hundert Jahren gelebt und als Seelsorger auf seinen Predigtreisen auch das Rheinland besucht. Sein Büchlein der Ewigen Weisheit war noch immer weit verbreitet als Andachts- und Betrachtungsbuch. Auch Gertrud bewahrte es in ihrer kleinen Schatulle auf wie ein Heiligtum. Sie kannte den Inhalt, lesen konnte sie ihn nicht. Ihr Bruder Wilhelm hatte ihr schon früh aus dem Büchlein vorgelesen, immer wieder und wieder. Die Worte von Heinrich Seuse waren Teil von Gertruds Denken geworden. Sie spürte eine innige Verbindung von Himmel und Erde und war fest verwurzelt in ihrem Glauben an eine Gemeinschaft mit Gott.
Heinrich hatte ein Bild von Heinrich Seuse, auf dem dieser mit einem kleinen Hund dargestellt war, der ein Tuch in seinem Maul trug. Seitdem lag der Junge ihnen in den Ohren, dass er unbedingt einen Hund haben wollte. Aber das kam nicht in Frage. Sie lebten schon beengt genug und Tiere zu versorgen konnten sie sich nur leisten, wenn sie sie auch nutzten. Ein paar Hühner nannten sie inzwischen ihr eigen. Sie lebten in einem kleinen Verschlag gleich hinter dem Backhaus. Die anderen Tiere, mit denen sie das Dach teilten, waren die Ziegen des Hofbesitzers. Wohnraum, Stall und Vorratsspeicher befanden sich unter einem langgestreckten Dach. Auf dem Dachboden lagerte jetzt das Heu.
Das Land war fruchtbar. In den Niederungen sorgte der Rhein unterirdisch mit seinen Armen für ständige Feuchtigkeit, die die Bauern für ihre Viehweiden benötigten. Gebiete, die ein wenig höher lagen, dienten dem Ackerbau. Hier wurde weniger Grundwasser eingespült.
In einer der beiden Kammern auf halber Geschosshöhe lebte Johanns Vater. Die andere teilten sie sich zu acht zum Schlafen. Hier gab es drei Betten. Gertrud und Johann lagen mit der Jüngsten, ihrem Sorgenkind Magdalena, in einem der schmalen Holzbetten. Die dreijährige Catharina hatte das große Glück, sich das Bett nur mit ihrer großen Schwester, Klein-Gertrud, teilen zu müssen. Aber mit den drei Jungs gab es immer Probleme. Zu Dritt in dem schmalen Nachtlager direkt an der Wand wurde es eng, und damit der Platz gut aufgeteilt war, schlief Heinrich mit dem Kopf am Fußende, so dass seine Füße zwischen den Köpfen der beiden Ältesten, Jacob und Josef lagen. Ein klappbares Holzgestell an der offenen Seite sorgte dafür, dass niemand des nachts aus dem Bett gedrängt wurde.
Gertruds Schwiegervater war in seinem hohen Alter von 76 Jahren sehr krank. Ständig hörte man ihn husten. Auch wenn sein Bettzeug mit Federn gefüllt war und es in diesem Januar noch keinen Frost gegeben hatte, war dem Vater stets kalt. Auch das Stroh, auf dem sie alle lagen, wärmte im Winter bedingt. Gertrud legte ihm die einzige Wärmflasche, die sie besaßen, ins Bett. Weil sie aus Messing gefertigt war und damit sich der Alte nicht verbrannte, hatte Gertrud liebevoll einen Bezug aus bestem Leinen genäht. Die Kinder mussten mit einem heißen Ziegelstein vorlieb nehmen. Aber sie konnten sich auch gut gegenseitig wärmen. So hatte die Enge in den Betten im Winter ihre Vorteile.
Besonders die Feuchtigkeit, die durch die dürftigen Dielen und die dünnen Lehmwände drang, machte dem Alten zu schaffen. Die ganze Nacht flackerte das Neitslämpke, das Nachtlämpchen in der Kammer des Alten. Ein großes, halb mit Wasser gefülltes Glas, auf das oben gereinigtes Öl gegossen wurde. Kleine Wachslichterchen setzte Gertrud in einem Stück Kork oben auf das Öl und brannte das Lämpchen an. So musste sie nicht nach Streichhölzern oder einem Holzspan suchen, wenn der Husten den Vater zu ersticken drohte. Es gab nicht viel, das sie für den alten Hermann Jacob Hegger tun konnten. Niemand wusste, was genau seine Krankheit war. Aber Gertrud wollte es dem Schwiegervater so angenehm wie möglich machen, ihn umsorgen und pflegen. Um den Alten zu sich holen zu können, hatte der Bauer ihnen diese Kate zur Verfügung gestellt. Sonst hätten sie weiterhin wie die anderen Tagelöhner in einer noch engeren Wohnung leben müssen, wie sie für die Tagelöhner und ihre Familien auf dem Land des Eigentümers standen. Johanns Mutter, Maria Anna Catharina, war schon vor 17 Jahren gestorben. Der Vater hatte nicht mehr geheiratet.
"Hallo Mutter!? Wir sind da!", man konnte hören, wie die großen Geschwister lärmend und lachend angelaufen kamen. Der köstliche Duft des Kuchens, der aus dem Backhaus kroch und die kühle Luft erfüllte, hatte die Kinder magisch angezogen. Wilhelm Jacob, der Erstgeborene war elf, Wilhelm Josef zehn und Catharina Gertrud acht Jahre alt. Heinrich vergaß seine kleine Schwester und seine bloßen Füße und rannte aus dem Backhaus seinen Geschwistern entgegen.
"Sagt! Was habt ihr heute gelernt? Wirst du mich wieder lehren, Jacob?"
Heinrich konnte es nicht erwarten, endlich auch zur Schule gehen zu dürfen. Dort war es interessanter als zuhause mit den beiden kleinen Schwestern. Er wollte lernen und bald Geld verdienen. Ständig lag er den älteren Brüdern Jacob und Josef in den Ohren, dass sie ihm Lesen und Schreiben beibringen sollten. Und er lernte überraschend schnell, zählte jeden Tag die Fente, wie man hier am linken Niederrhein die Holzspäne nannte. Stolz verkündete er seiner Mutter stolz die genaue Zahl der Holzspäne im Kästchen, dem Fentebekske. Nach Ostern war es endlich so weit sein: Mit vollendetem fünftem Lebensjahr durfte er in die Schule gehen. Jeder Einwohner, der den nötigen Unterricht für seine Kinder nicht selbst besorgen konnte, musste sie nach zurückgelegtem fünften Lebensjahr zur Schule schicken.
Jacob schwenkte seinen Hut und setzte ihn lachend dem kleinen Bruder auf den Kopf.
"Wo sind deine Strümpfe und Holzschuhe?", rief er und hob seinen Bruder in die Höhe. Jacob war stark und kräftig gebaut. "Lass das nicht Mutter sehen!"
Schon hatte er Heinrich unter dem rechten Arm und trug ihn wie einen Sack Kartoffeln zurück zum Backhaus. Eine Mischung aus Reisigrauch und Turbankuchen hatte die Luft dort in einen Nebel gehüllt.
"Ach, mein Gott! Kinder!", seufzte Gertrud. "Nehmt doch bitte Catharina mit in die Kate und helft mir ein wenig bei den Vorbereitungen. Bald werden die Gäste kommen und nichts steht auf dem Tisch."
Früh um sechs Uhr waren die drei Kinder aufgestanden. Noch vor Sonnenaufgang. Im Winter begann die Schulmesse um 7:45 Uhr. Danach ging es in die Schule. Aber schon vor der Schulmesse hatten sie ihre Aufgaben, die es zu erledigen galt. Während der Ackerzeit hüteten sie das Vieh, halfen bei der Heuernte und beim Dreschen. Catharina Gertrud, die alle Klein-Gertrud nannten, saß frühmorgens am Rad und sorgte dafür, dass die Flachsfäden auf die Spule liefen. Jacob brachte das schwere Spinnrad in Gang. So half die Kleine schon mit ihren acht Jahren der Mutter beim Spinnen. Aber im Winter blieb ihnen diese schwere Arbeit erspart. Erst mit den ersten Frühlingsstrahlen würden sie wieder in die Pflicht genommen. Jeder von ihnen war verantwortlich für das Überleben und Wohlergehen der ganzen Familie.
Vor zwanzig Jahren hatte es in dieser Region noch rund 1.500 Samt- und 200 Seidenhandwebstühle gegeben. Dann hatten sich von Krefeld aus schnell die mechanischen Webstühle auch hier ausgebreitet. Nun gab es in Hüls bereits eine erste Fabrik, und die Hausweber fanden nur noch wenig Beschäftigung. Viele von ihnen waren in der mechanischen Weberei in Hüls untergekommen, doch die meisten machten sich jeden Tag auf den Weg nach Krefeld, um ihren Lebensunterhalt in den dortigen Fabriken zu verdienen.
Auch in Orbroich war die Zahl der Handwebstühle stark zurückgegangen. So besaß Gertrud Hegger einen von 13! Die Aufträge wurden weniger. Aber eine Arbeit in der Weberei in Hüls oder gar in einer der Fabriken kam nicht in Frage. Wer sollte sich um den kranken Vater und die Kinder kümmern?
Die kalte Dunkelheit des Januars hatte sich schon über das Land gelegt, als der Vater am Nachmittag endlich nach Hause kam. Die Kinder hatten den großen Webstuhl aus der Stube getragen, um mehr Platz zu schaffen für den langen Holztisch und die Stühle, die sie beim Bauern geliehen hatten. Nur das Spinnrad stand noch in der Ecke. Die große Tafel war mit Leinendecken und Geschirr eingedeckt. Der Kuchen stand fertig auf dem Tisch, der Eintopf war längst verzehrt. Johann war gerade noch vor dem Eintreffen der Gäste nach Hause gekommen.
„Vater, Vater!“, rief Heinrich voller Freude und wollte gleich ungestüm in Vaters Arme fliegen, ganz so wie es seine Art war und wie ihn jeder in der riesigen Familie Hegger kannte.
Doch sein Bruder Josef hielt ihn fest in seinen Armen und raunte dem kleinen Bruder ins Ohr:
“Lass Heinrich! Wir wollen den Vater doch nicht verärgern. Du weißt, dass er erst seine Sachen machen will, bevor wir an die Reihe kommen.“
Heinrich nickte stumm und presste die Lippen fest aufeinander, damit ihm in der großen Freude angesichts des Vaters kein Wort mehr entkommen möge. Johann Hegger war ein strenger Vater, dem es schwer fiel, seine große Liebe für die Kinder, die ihm seine geliebte Gertrud geschenkt hatte, nicht zu offen zu zeigen. Wenn er nach Hause kam, musste er sich erst den Schmutz und Schweiß des langen Tages abwaschen. Während Johann sich an der Waschschüssel im Spülhaus reinigte, blieben die Kinder still in der Ecke der Stube sitzen und senkten die Blicke. Es wurde nicht geredet, bevor man vom Vater angesprochen wurde. Da machte auch ein Namenstagskind keine Ausnahme.
Nachdem Johann sich sauber und ein wenig erholter fühlte, freute er sich auf sein Tonpfeifchen. Er nahm eine Fente aus dem Fentebekske, das neben dem Ofen im Herdraum an der Wand hing, zündete den dünnen Holzspan am Feuer unter dem Eisentopf an und begann seine Pfeife zu paffen. Dann schritt er langsam in die Stube und schaute durch den wohl duftenden Qualm des Pfeifchens hinüber in die Ecke, wo die Kinder saßen. Fast unmerklich lächelte er und machte eine kleine Bewegung mit dem Kopf.
Heinrich hatte sofort verstanden. Der brave Josef konnte den Kleinen nicht mehr halten. Jetzt stürmte Heinrich los.
“Vater! Vater!“, jubelte er und flog dem Vater in die Arme.
„Aber Heinrich!“, rief die Mutter bestürzt, als sie mit Heinrichs Taufkerze in der Hand aus ihrer Kammer in die Stube hinabstieg.
„Lass ihn doch, Gertrud! Der Junge macht mir doch immer große Freude, wenn er sein Glück verschenkt“, brummte Johann, während er versuchte, seine Pfeife vor dem ungestümen Jungen zu retten, der beide Arme fest um den Hals des Vaters geschlungen hatte.
„Ich weiß! Mir geht es doch nicht anders!“, sagte Gertrud leise. Während Heinrich dem Vater mit glühendem Gesicht von seinen Erlebnissen des Tages erzählte, stellte Gertrud Heinrichs schwere Taufkerze auf den Tisch. So war es Tradition, wenn die Familie zum Namenstag kam.
Wenig später war die Stube voller Menschen, die eng beieinander saßen. Der Kuchen duftete, und der Ofen nebenan heizte ihnen tüchtig ein. Unter allem spürte man den Geruch der Ziegen, die aus den Boxen an der Längsseite des Hauses mit kalten Augen neugierig rüberschauten. Alle Nachbarn, die anderen Tagelöhner, die gerade auf dem Hof Beschäftigung fanden, mit ihren Familien schauten vorbei, um Heinrich zum Namenstag zu gratulieren. Sogar der Hofbesitzer war kurz gekommen und hatte Heinrich ein Hagelzucker-Plätzchen mit einem Bändchen um den Hals gehängt. So war es Tradition im katholischen Brauchtum am Niederrhein. Heinrich war so stolz über dieses Geschenk zu seinem Namenstag. Mutters Bruder war mit seiner Familie aus Walbeck angereist. Onkel und Tanten, Vettern und Kusinen aus der großen Hegger-Familie. Sie alle waren wegen ihm gekommen. Heinrich war selig.
Bald fanden sich die üblichen Gruppen. Die Männer saßen zusammen und pafften ihre Pfeifchen. Ein paar Tagelöhner waren geblieben. Die Frauen schwatzten und lachten. Einige hielten ihre Kleinsten auf dem Schoß. Und die Kinder spielten auf dem Speicher, wuselten den Müttern zwischen den Füßen, tobten durchs Stroh der erstaunten Ziegen und jagten sich draußen, wenn die Mütter mal nicht aufpassten.
Gertrud erzählte von den Zieglern, die aus anderen, evangelischen Regionen kommen. Ganz am Rande der Honschaft Orbroich, in Niep lebten ein paar evangelische Familien, hatte Johann ihr erzählt.
„Stellt euch vor! Die kennen keinen Namenstag. Dort wird der Geburtstag ebenso groß gefeiert, wie man es von unseren häuslichen Namenstagen kennt.“
Alleine die Vorstellung rief allgemeines Kopfschütteln unter den Frauen hervor.
Die Männer unterhielten sich über mancherlei, was ihnen besonders am Herzen lag und klagten, wie so oft, über die schlechten Zeiten. Vor allem die Wintermonate waren hart, da es auf den Höfen nicht viel Arbeit gab.
„Alles ist teurer geworden“, klagte der dicke Tagelöhner Peter, der mit Johann oft auf denselben Höfen arbeitete.
„Besonders die Feuerung muss für bare Groschen gekauft werden.“
„Recht hast du“, erwiderte Johann. „Was einem wächst, ist oft der Mühe nicht wert. Das kleine Stück Kartoffelland kostete mich schwere Pacht und brachte im letzten Jahr nur wenige Sack."
„Glücklich, wer sich noch ein Schwein groß ziehen kann“, warf Gertruds Bruder Wilhelm ein. "Aber ihr habt doch die Ziegen, Johann!"
"Schön wär's, lieber Schwager", gab Johann seufzend zurück. "Die Ziegen gehören dem Bauern und teilen nur das Dach mit uns."
„Ja, ja, die Wohnungen werden immer knapper und teurer“, wusste ein anderer Tagelöhner zu berichten. „Es gab schon zahlreiche Männer, die infolge des schlechten Verdienstes ihr Häuschen nicht halten konnten. Sie mussten Stück für Stück mehr Geld von der Sparkasse in St. Hubert entleihen, als diese für ihre Kate geben wollte. Können sie schließlich die fälligen Zinsen nicht mehr aufbringen, so übernimmt die Sparkasse das Haus als Eigentum und bietet es anderweitig zum Verkauf.“
Missbilligendes Kopfschütteln wurde begleitet von Qualmwolken, die sich die Hände fassten und die Männer in einen grauen Schleier des Grübelns hüllten. Ein junger Tagelöhner mit einem hellen Flaumbärtchen auf der Oberlippe sprang auf und erhitzte sich und die Gemüter der anderen:
„Das beste würde wohl sein, man schnürt sein Bündel und wandert mit Weib und Kind in die Fremde. Viele finden ja heute schon in der Fabrikstadt Krefeld ein besseres Auskommen. Ich sage euch, hier auf dem Lande wird es doch von Jahr zu Jahr schlechter.“
„Niemals!“, rief Johann entrüstet aus. „Es ist eine Sünde, so auf gut Glück in die Welt zu ziehen und der Heimat den Rücken zu kehren. Jeder hat doch die Ecken lieb, wo er zu Hause ist. Von Jugend an sind wir an Bauernarbeit gewöhnt. Das Land ist unsere Seele. Da geht niemand davon!“
„Aber was soll man anders machen? Hunger tut weh.“, gab der junge Tagelöhner zu bedenken.
Doch Johann gab so schnell nicht bei: „Dann bist du ohne Kontrakt. Und wenn sie dich nicht mehr brauchen, jagen sie dich vom Hof. Da haben wir Tagelöhner der großen Höfe es in mancher Hinsicht besser.“
„Aber frei seid ihr nicht. Bleibt das ganze Jahr an den Hof gebunden. Müsst der Herrschaft mit Frau und Kind jeden Tag und Stund zu Diensten stehen“, rief der achtzehnjährige Martin in die Runde.
„Ja, du hast gut reden, Martin“, antwortete Johann Hegger. „Ohne Familie. Hast keinen kranken Vater in der Kammer siechen. Wir haben dafür das ganze Jahr Brot und Arbeit, brauchen nicht mit Arbeitslosigkeit und Winterelend zu rechnen. Man hört nicht nur gute Geschichten aus Krefeld.“
Die jungen Männer aber schüttelten den Kopf. Die vertragliche Verbundenheit mit Höfen an einem festen Orte erschien ihnen schlimmer als die Not im Winter. Darauf erhob sich Michael, ein weiterer Tagelöhner. Er war etwa 30 Jahre alt, von mittlerer Größe und kräftiger Statur. Seine blonden Haare wirkten sonnengebleicht im Kontrast zu der gesunden Gesichtsfarbe. Er trug einen struppigen, blonden Schnurrbart über einem breiten Mund. Auch in der Kate hatte er den braunen, runden Hut nicht abgesetzt. Neben einer doppelt geknöpften Jacke aus Cheviotwolle trug er eine helle, karierte Hose:
“Frei sind wir alle nicht. Ob mit Vertrag oder ohne. Ihr wisst doch alle zu gut, wie wenig ein jeder von uns am Ende des Tages auf der Hand hat. Selbst ein Tagelöhner mit einem Fleiß wie unser Johann Hegger hier kann nicht mehr als einen Jahresverdienst von 600 Mark erzielen. In günstigen Jahren mag er vielleicht auf 700 Mark steigen, wenn die Ernte großen Ertrag bringt. Aber in ungünstigen Jahren bleibt er oft unter 500. Und von diesem Verdienst muss er für seine Familie Kleidung und Feuerholz anschaffen, die Miete oder die Pacht für die Kate oder Wohnung bezahlen.“
Inzwischen war Heinrich durch die lauten Reden auf die Unterhaltung der Männer aufmerksam geworden. Vorsichtig war er auf allen Vieren heran gekrochen und hatte sich unter dem Tisch versteckt. Die anderen Kinder waren so mit dem Spiel beschäftigt, dass ihn niemand vermisste. Still hockte er da und lauschte den Gesprächen, von denen er fast nichts verstand.
„Was den Lohn angeht, muss ich dir recht geben.“, hörte Heinrich die ruhige Stimme des Vaters.
“Ab und an kommt Gertrud, weil ein Stück in der Haushaltung erneuert werden muss. Schlimm wird es aber, wenn einer krank wird in der Familie. Ich mag da gar nicht an meinen armen Vater denken, wenn es schlimmer wird mit ihm. Dann verlangen auch noch Arzt und Apotheker Geld.“
„Also, Johann, guter Mann! Dann sind wir uns einig. Mit 600 Mark eine Familie ernähren und dabei auch noch sparen, unmöglich.“
Der blonde Tagelöhner erntete Beifall aller Anwesenden.
600 Mark! Dachte Heinrich derweil unter dem Tisch. Das muss sehr viel Geld sein. Doch fragte er sich, warum der Großvater ein armer Mann war. Wieder musste er einem Fuß ausweichen.
Der magere Lohn zwinge auch manchen von ihnen, die Heirat noch aufzuschieben bis zum 30. Jahr oder später, gab Gertruds Bruder Wilhelm zu bedenken. So manches Mädchen sei schon ehrlos sitzen gelassen. Ernst nickten die Männer.
"Das ist wohl wahr", sagte Johann. "Ich war schon 35 und meine Gertrud 28 Jahre, als wir endlich heiraten konnten. Aber wir alle sind in Tagelöhnerdiensten auf dem Land aufgewachsen. Die meisten haben ihre Eltern und Großeltern schon als Tagelöhner krumm werden sehen. Viele von euren Kindern dienen schon auf den Höfen. Die Landwirtschaft ist uns ans Herz gewachsen. Sie ist Nährmutter der Menschen. Ohne sie kann unser Volk nicht bestehen.“
Applaus brauste auf. Heinrich reckte sich mit stolz geschwellter Brust unter dem Tisch. Das war sein Vater, und alle klatschten, wenn er sprach. Er stieß mit dem Kopf gegen die schwere Tischplatte.
„Heinrich, komm sofort hervor!“
Donnernd tönte die Stimme des geliebten Vaters. Die anderen Männer lachten dröhnend, als der kleine Heinrich mit rotem Kopf unter dem Tisch hervorkroch.
„Was habe ich dir gesagt?“
„Aber es ist doch mein Namenstag, Vater!“, wagte der Kleine zu erwidern.
„Auch an seinem Namenstag muss man sich benehmen!“
Schnell schlüpfte Heinrich davon, bevor der Vater ihn am Kragen packen konnte.
„Trotzdem geht es uns besser, als man es von vielen anderen Teilen des Landes hört.“ Der dicke Peter brachte das Gespräch zurück und zwinkerte Heinrich heimlich zu.
„Immerhin gibt es auch unter uns Tagelöhnern ein paar, die ab und an ein Huhn oder ein paar Kohlköpfe verkaufen können. Wenn sie auch das Futter für ihr Huhn einkaufen müssen, so sind dies allein Ausgaben, die sie Stück für Stück aufbringen müssen. Beim Verkauf des Huhns erhalten sie dann die ganze Summe mit einem Mal. Das Huhn ist ihnen wie eine Art Sparkasse. Sie stecken oftmals kleines Geld hinein, um dann auf einen Schlag das Gezahlte plus Zinsen herauszubekommen.“
Gelächter machte die Runde. Dennoch wusste jeder der Männer, dass es ihm und seiner Familie trotz all der schweren Arbeit von früh bis spät nicht möglich sein würde, diesem schweren Leben zu entkommen. Der junge Martin mischte sich erneut ein:
„Es muss über kurz oder lang im Interesse der Landwirte selbst liegen, sich der Tagelöhner zu versichern. Sie müssen uns auskömmliche Löhne, kürzere Arbeitszeiten und bessere Unterkünfte schaffen. Wenn wir Landarbeiter weiter in diesen feuchten und windschiefen Lehmlöchern leben müssen, dürfen die Herren sich nicht wundern, wenn die Jungen von uns in Scharen in die Städte abwandern.“
Nun meldete sich der Dünnbärtige nochmals zu Wort.
„Recht hast du, Martin. Darüber hinaus sagt sich manche Dorfgemeinde, Arbeiter haben wir genug. Was wir vor allem nicht brauchen, sind die Verheirateten.“
Unruhe kam auf unter den Männern angesichts solch rebellischer Reden.
"Hört, hört! Die Burschen sind Sozialdemokraten!", rief einer in die Runde.
Unbeirrt fuhr der junge Tagelöhner fort.
„Sie wollen die Zahl der Verheirateten verringern, damit die Armenlasten nicht wachsen. Mit den kleinen Häusern, wie dieser Kate, in der Johann mit seiner Familie noch leben darf, werden auch die Familien verschwinden. Mögen die Leute sehen, wo sie bleiben. Fehlt es aber an Ledigen, so holen sie sich solche aus dem Osten. Die kommen gern, weil die Löhne hier immer noch höher sind als dort.“
"Lange genug haben wir um bessere Löhne gebettelt", sagte der junge Martin aufbrausend. "Jetzt müssen wir fordern wie die Weber. Deren Bestrebungen werden von der Zentrumspartei und besonders von der Niederrheinischen Volkszeitung behindert und bekämpft."
"Ach, hör mir auf mit dem Lüttgerverband der Weber!", rief der dicke Peter aufgebracht. "Jahrelang sind sie von der Regierung unterstützt worden. Jetzt fordern sie maximalen Lohn bei minimaler Arbeit! Pfui, Teufel! Unchristlich ist das!"
"Seit vielen Jahren sind die Weber bestrebt, ihre traurige Lage zu verbessern.", ruhig sprach der Dünnbärtige und schaute dabei langsam in die Runde der gegerbten Männergesichter.
"Interessiert es euch nicht, dass der Lüttgerverband die Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken abschaffen und das Schuften der Frauen am heimischen Webstuhl einschränken will?"
Betretene Gesichter, von der Wärme der eisernen Ofenplatte und der Enge der Menschen gerötet, schauten sich an.
"Wenn die Weberei den Menschen nicht ausreichende Löhne einbringt, kann man diese Industrie auch gleich ganz beseitigen.", erhitzte sich der junge Martin erneut. Von Anfang an sei der Lüttgerverband von der Zentrumspartei bekämpft worden.
"Und gerne kann ich euch sagen, warum!", sprach Martin weiter. Er wusste genau, dass er vor überzeugten Wählern der Zentrumspartei sprach. Hier am Niederrhein war man katholisch und hier wählte man konservativ. Daher zögerte er nicht mehr, die Männer direkt anzusprechen.
"Ihr glaubt, die Weber dürfen nicht selbstständig werden, die sollen sich ewig am Nasenring führen lassen. Als Mitglieder des Verbandes werden wir heute zu Sozialdemokraten gestempelt. Doch Tausende von uns stehen auf dem christlichen Standpunkt."
"Hört, hört", raunte einer der Männer. "Er ist unter die Weber gegangen. Eine solche Auffassung kann man nur von einem Roten erwarten. Ja, ja, so sind eben die Herren Genossen heutzutage. Wenn man zu den armen Arbeitern auf dem Lande kommt, dann versteckt man sich unter dem Mäntelchen der Unschuld. Doch ab und an blitzt es eben rot hervor."
Johann erhob die Stimme:
"Der Glaube lehrt jeden Christen und jeden christlichen Arbeiter, dass nicht der vereinbarte Arbeitsvertrag das Band zwischen Dienstherrn und Knecht, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bildet. Nein! Es gibt auch die Pflicht gegenseitiger Achtung und Liebe. Der Arbeiter ist kein Automat, den man mit einem Nickel entlohnt. Ihm gebührt die Achtung, Anerkennung und Liebe seines Arbeitgebers. Sobald er freiwillig auf seine Rechte verzichtet, die ihm durch die sittliche Weltordnung und Religion verliehen werden, dann verzichtet er freiwillig auf seine Christen- und Menschenwürde."
Doch bevor Unmut aufkommen konnte, sprach Michael. Ruhig und mit Bedacht wählte er seine Worte:
"Aber nicht allein vom Bauern oder Gutsherrn seid ihr abhängig - auch vom Wetter. Habt ihr denn schon vergessen, wie vor 8 Jahren ein Wirbelsturm den Hof Hax in Clörath in Schutt und Asche gelegt hat? Die Leute haben gerade noch ihre verwüsteten Felder und Gärten nach dem schweren Gewitter inspiziert, da kam die Windhose über Boisheim hoch und raste von den Süchtelner Höhen hinab. Alles, was ihr im Osten in den Weg kam, wurde zermalmt."
"Da muss ich gar nicht so weit zurückdenken", sprach Peter in seine Gedanken vertieft. "Gerade letzte Woche in der Nacht von Donnerstag auf Freitag hat ein wütender Sturm die Bleifassung an der Turmspitze unserer schönen Pfarrkirche in Hüls losgerissen. Außerdem sind ein paar Scheiben zertrümmert und Dachschiefer abgeweht worden."
Die Orbroicher fühlten sich der Kirche in Hüls sehr verbunden.
"Dieser Schaden bringt eine umständliche Reparatur mit sich und wird einiges kosten. Zum Glück finden die neuen bemalten Fenster vor solchem Unwetter genügend Schutz. Dort hat der Pfarrer außen enge Drahtgitter anbringen lassen.", sagte Johann.
"Das Unwetter hat überall großen Schaden angerichtet, nicht nur auf dem Lande.", sagte Michael. "Aus dem ganzen Rheingebiet wurde von heftigen elektrischen Entladungen und starken Regengüssen berichtet. Hochwasser wird aus vielen Teilen Deutschlands gemeldet. In den Dörfern an der Saar wurden die Häuser ganzer Straßenzüge der Dächer beraubt. Die Wasserläufe stiegen rasch. Bei Papenburg überschwemmte die Ems weites Land. In Solingen warf der Sturm sogar den Stationsassistenten am Bahnhof vor die Lokomotive eines Güterzuges. Der Unglückliche wurde übel zugerichtet und starb auf der Fahrt zum Krankenhaus."
Und Peter, er war ein begeisterter Zeitungsleser, gab zu Bedenken:
"Die Ruhr hat schon an vielen Stellen Wiesen und Ländereien unter Wasser gesetzt. Der Rhein wird schon noch folgen. Auf dem Schwarzwald sind durch den Regen der letzten Tage die Schneemassen auf den Bergen schneller geschmolzen. Die kleinen Schwarzwaldbäche bringen die Wassermassen schnell zu Tal und richten großen Schaden an. Es gibt Verluste an Mensch und Vieh und ganze Dörfer sind unter Wasser."
"Das ist es ja, was ich sage!", brachte Martin sich erneut ein. "Die Nachrichten vom 17. des Monats sind noch beunruhigender. In Duisburg musste der innere Hafen geschlossen werden, weil die Gleise am Kaiserhafen in Ruhrort überschwemmt sind. Die Hafenarbeiter sind außer Arbeit gesetzt, die Fahrten der Schiffchen zwischen Düsseldorf und Oberkassel eingestellt."
"Aber, aber, lieber Martin! Du sagst es ja selbst. Ein Unwetter trifft nicht nur die Landwirtschaft. Auch die Industrie hat zu kämpfen. Die Kempener Zeitung berichtete, dass der gesamte Schiffsverkehr auf dem Kanal zwischen Dover und Calais eingestellt wurde. Überall in Europa waren die Schäden beträchtlich, nicht nur bei Ackerern wie uns auf dem flachen Lande.", Johann seufzte tief. "Das Wetter liegt allein in Gottes Hand", sagte er dann mit tiefer Überzeugung und war sich der Zustimmung der Männer sicher.
Es war wieder Peter, der einlenkte.
"Lasst uns an diesem wichtigen Tage für die Familie Hegger und den kleinen Heinrich nicht Zwietracht säen wegen Politik und dieser neuen Industrie, die unser aller Leben noch schnell genug verändern wird. Habt ihr schon gehört? Mathias Weyer vom Eumeshof in Orbroich hat mehrere tragende Rinder zu verkaufen."
"Die Preise am Markt in Neuss sind nicht hoch. Da muss er schon schauen, wo er einen Käufer findet.", sagte Wilhelm, der sich bisher zurückgehalten hatte. Politik war nicht sein Thema. "Auf dem Schweinemarkt bekommt man für fette Schweine mit erster Qualität noch ein Auskommen. Was will er da für seine Rinder haben?"
Erleichtert über diesen Themenwechsel waren die meisten. Was hatten sie mit dem Lüttgerverband, den Fabriken in Krefeld und dieser ganzen Industrie zu schaffen? Ihr Leben spielte sich hier in Orbroich ab, wo die meisten von ihnen geboren waren. So philosophierten die Männer in gegenseitigem Hin und Her und malten sich aus, wie zufrieden sie eigentlich auf dem Lande leben könnten, wenn … Ja, wenn.
Die Luft in der kleinen Kate war kaum noch zu ertragen. Die vielen Menschen auf engstem Raum, der Geruch der Ziegen, des Essens in der Vorratsecke mischten sich mit dem Staub. Allen brannten die Augen und Johanns Vater, Hermann Jacob Hegger, hustete mehr und mehr in seiner Kammer. Auch heute konnte er nicht das Bett verlassen.
Die Frauen hatten inzwischen den großen Tisch abgeräumt. Anna, die ebenso dicke Frau vom dicken Peter, dem Tagelöhner-Kollegen Johanns, half Gertrud im Spülraum wie Maria, die Frau des Hofbesitzers. Die anderen, vor allem die mit kleineren Kindern, hatten die Kate bereits verlassen. Es gab noch viel Arbeit im eigenen Haushalt zu erledigen.
Gertrud fühlte sich wohl hier auf dem Geneigenhof. Man behandelte sie wie ein Mitglied dieser großen Familie. Es war so unendlich traurig, dass ihre Eltern das alles nicht mehr hatten erleben dürfen. Sie waren schon vor der Hochzeit mit Johann gestorben.
"Kennst du eigentlich die Lilienmilch-Seife?", fragte Anna mit verträumtem Blick während sie abwesend das karierte Leinenhandtuch über den Teller gleiten ließ.
"Lilienmilch?", fragte Gertrud und fühlte sich gleich wieder so unerfahren, weil sie etwas nicht kannte.
"Ja, das ist eine Seife, die der Haut wohl tut und uns Frauen schöner macht. Auch soll sie hervorragend gegen Sommersprossen wirken."
Anna stellte den Teller auf den Stapel mit anderen trockenen Tellern und nahm den nächsten von Gertrud aus dem großen, steinernen Spülbecken entgegen.
"Oh, ja, ich habe mir ein Stück dieser wunderbaren Seife geleistet.", Maria, die Bäuerin zwinkerte Gertrud aufmunternd zu. "Sie kostet pro Stück 50 Pfennige. Man kann sie bei Heesen & Kaiser finden. Na, wann ist denn euer Hochzeitstag, liebe Gertrud?"
Maria knuffte Gertrud lachend mit dem Ellbogen in die Seite.
"Am 20. Mai", antwortete Gertrud erschrocken.
"Der wievielte?", fragte Anna.
"Der zwölfte dieses Jahr", Gertrud brauchte nicht lange nachzudenken.
"Zwölf Jahre und sechs, nein, fast sieben Kinder!" rief Maria lachend. "Das sollte deinem Johann ein gutes Stück Lilienseife wert sein!"
Gertrud wurde rot und schaute unsicher hinüber zur Stube, wo die Männer saßen. Aber niemand schien etwas von den Frauengesprächen gehört zu haben. Die Männer waren zu sehr in ihrer eigenen Welt gefangen. Die direkte Art von Maria erschreckte Gertrud. Sie kannte dieses forsche Auftreten nicht und war auch nicht sicher, ob es sich so ziemte für eine Frau. Als Bäuerin verteilte Maria im häuslichen Bereich die Aufgaben und bestimmte das Arbeitspensum der Mägde und Knechte. Sie war eine Autorität für das Gesinde und hatte auch die Erziehung aller auf dem Hof lebender Kinder unter sich.
„Heinrich ist ein kluger Bursche, Gertrud.“, sagte Maria. „Gut, dass er bald die Schule besuchen wird.“
„Ja, gleich nach Ostern ist es soweit.“, antwortete Gertrud lächelnd.
„Er ist kräftig, klug und lernt schnell“, sagte Maria. „Er kann nach der Schule bei uns auf dem Hof ein Zubrot verdienen. Das könnt ihr gut gebrauchen in diesen Zeiten.“
„Oh, ja.“, sagte Gertrud voller Dankbarkeit. „Die Krankheit des Alten kann uns noch teuer zu stehen kommen.“
Maria mochte Gertrud, und Gertrud empfand Maria wie eine Mutter, der gegenüber sie sich stets dankbar und ehrfürchtig zeigte.
„Hast du schon gehört, dass wir Frauen bald volle Geschäftsfähigkeit bekommen sollen?“, fragte Maria.
Nein, Gertrud wusste nicht, was das sein könnte. Aber Maria erklärte gleich.
„In Preußen soll im Jahr 1900 das Bürgerliche Gesetzbuch eingeführt werden. Und darin soll stehen, dass Frauen über 21 Jahre Verträge und alles selbst unterschreiben dürfen, ohne den Ehemann zu fragen.“
Gertrud hielt erschrocken die Hand vor den Mund. Diese ganzen neumodischen Veränderungen machten ihr Angst. Gut, dass sie Johann an ihrer Seite wusste.
"Ich weiß nicht", sagte Gertrud schüchtern. "Diese ganzen Dinge, die es jetzt gibt. Ich weiß nicht, ob sie gut sind für uns. Vor allem die Eisenbahn."
"Gehst wohl lieber zu Fuß?" Die Frauen lachten, nur Gertrud nicht. Sie blickte wieder verstohlen hinüber zu den Männern.
"Aber ihr wisst doch, was vor ein paar Wochen mit der jungen Katharina van Mierlo passiert ist, als sie von Kempen nach Osterfeld fahren wollte? Ahnungslos stellte sie sich ans Fenster eines Coupés, als plötzlich die Wagentür aufging und die Bedauernswerte aus dem Zuge gegen einen vorbeifahrenden Güterzug fiel."
"Ja, ja", gab Anna gleichmütig zurück. "Sie geriet dem Güterzug unter die Räder und war alsbald tot. Aber das kann dir auch mit jedem Pferdefuhrwerk passieren. Hab ich recht, Maria?"
Ein fürchterlicher Hustenanfall drang aus der Kammer des Schwiegervaters. Gertrud ließ das Küchentuch fallen und lief hinauf, um nach dem Alten zu schauen. Es hörte sich nicht gut an in letzter Zeit.
Hallo. Ich bin ein kleiner Blindtext.
Kapitel 2
Hallo. Ich bin ein kleiner Blindtext. Und zwar schon so lange ich denken kann. Es war nicht leicht zu verstehen, was es bedeutet, ein blinder Text zu sein: Man macht keinen Sinn. Wirklich keinen Sinn. Man wird zusammenhangslos eingeschoben und rumgedreht – und oftmals gar nicht erst gelesen. Aber bin ich allein deshalb ein schlechterer Text als andere? Na gut, ich werde nie in den Bestsellerlisten stehen. Aber andere Texte schaffen das auch nicht. Und darum stört es mich nicht besonders blind zu sein. Und sollten Sie diese Zeilen noch immer lesen, so habe ich als kleiner Blindtext etwas geschafft, wovon all die richtigen und wichtigen Texte meist nur träumen.
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Kapitel 3
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Kapitel 4
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Kapitel 5
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